White Line Disease

White Line Disease
Facharbeit 
von
 Linus MĂŒller

01

Februar 2008

Inhaltsverzeichnis

A   Einleitung

B   QuellenĂŒbersicht

 

1   Definition der Krankheit

2   Theoretische Grundlagen zum Aufbau der Hornkapsel

3   Theoretischer Hintergrund zur Krankheit

3.1  Erkennungsmerkmale

3.2  Behandlung der Krankheit

4   Fallbeispiel

 A  Einleitung

Die White Line Disease ist eine in Europa, im Gegensatz zu Amerika, nicht so hĂ€ufig auftretende Erkrankung der inneren Hufwand (Stratum Medium) und der Lamellenschicht (Stratum Internum), die zu schwerwiegenden Problemen fĂŒr das Pferd fĂŒhren - und je nach Ausmaß eine Herausforderung fĂŒr den Hufschmied sein kann. Allgemein schrĂ€nken Zusammenhangstrennungen der Hornkapsel die Funktion des Hufes und damit die LeistungsfĂ€higkeit des Pferdes erheblich ein.

 

QuellenĂŒbersicht

Jan Young USA   Der Huf Nr80

Michael Wildenstein USA   Der Huf Nr109

 

Definition der Krankheit

 Die PrĂ€gung des Begriffes „ White Line Disease“ wird Dr. Ric Redden zugeschrieben, der damit eine sich von der Hufrehe unterscheidende Zusammenhangstrennung beschrieb.

Ein anderer, mittlerweile hÀufiger benutzter und zutreffender Begriff ist: Onychomykosis (eine Nagelpilzinfektion, die auch beim Menschen vorkommt).

Es handelt sich bei der Krankheit der Weißen Linie immer um eine Pilzinfektion (mit oder ohne bakterielle Beteiligung), die sie von der Hohlen Wand unterscheidet. Es ist nicht geklĂ€rt, ob die Krankheit der Weißen Linie auf Grund anderer klimatischer Bedingungen in Amerika hĂ€ufiger anzutreffen ist, oder ob es an einer in Europa weniger spezifischen Differenzierung der Hohlen Wand liegt.

 

2  Theoretische Grundlagen zum Aufbau der Hornkapsel

 Die Hornkapsel

Der Huf besteht aus einer Hornkapsel, welche das distale Zehenglied des Pferdes umschließt und aus mehren Teilen besteht.
Die Hornsubstanz (Keratin), der Hornkapsel besteht aus verschiedenen chemischen Stoffen:

  • S- Schwefel
  • C- Kohlenstoff
  • H- Wasserstoff
  • O- Sauerstoff
  • N- Stickstoff.

 Die fĂŒr die White Line Disease relevanten Hufbereiche teilen sich folgendermaßen auf:

 Sichtbar:

  • a) WĂ€nde :Zehenwand, Seitenwand, Trachtenwand.
  • b) Sohlenbereich: Sohle, Strahl mit 3 Strahlfurchen, Weiße Linie, Eckstreben, Ballen.

 Nicht sichtbar:

  • a) Die Saumlederhaut bildet die Glasurschicht.
  • b) Die Kronlederhaut bildet hartes Wandhorn.
  • c) Die Wandlederhaut bildet ein weiches BlĂ€ttchenhorn.
  • d) Die Sohlenlederhaut bildet hartes Sohlenhorn.
  • e) Die Strahllederhaut bildet den weichen Strahl.02


 Die Hornkapsel dieses PrĂ€parates wurde teilweise entfernt.
Die Lederhaut von Sohle und Strahl weisen zottenförmige Papillen auf.
Die Lederhaut der Eckstreben dagegen blÀttchenförmige Papillen.(Eigenes Foto)

Die Verbindung zwischen Körper und Hornschuh stellen die LederhĂ€ute dar, deren Ă€ußerste Schicht als Oberhaut Horn erzeugt.

3  Theoretischer Hintergrund der Krankheit

Es handelt sich um eine Pilzinfektion oder eine pilzartige bakterielle Infektion, die vornehmlich die Zehe befĂ€llt. LĂ€sionen (auch durch mechanische Überlastung), Abszesse (auch nach Hufrehe), Risse, Hornspalten oder HornklĂŒfte bieten Eindringmöglichkeiten fĂŒr Keime jeglicher Art.

Der Pilz oder die Pilze in Kombination mit Bakterien agieren unter Sauerstoff- und Lichtabschluss. Sie konsumieren Keratin und schwÀchen es in seiner Struktur in einem progressiven Prozess.

Das Stratum Medium, Ziel und AngriffsflÀche des Pilzes, wird zu einer mehlartigen, bröckeligen Substanz zersetzt.

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Foto Farbatlas Huf( Pollitt)

Die mechanische FunktionalitĂ€t der Hufwand wird zunehmend geschwĂ€cht und fĂŒhrt frĂŒher oder spĂ€ter zur Lahmheit des betroffenen Pferdes. BrĂŒchige HufwĂ€nde und Zusammenhangstrennungen grĂ¶ĂŸeren Ausmaßes stellen fĂŒr den Hufschmied ein zusĂ€tzliches Problem dar.

FrĂŒherkennung und Behandlung schĂŒtzen das Pferd vor Schmerzen, einer Wandresektion und somit den Besitzer vor einem aufwendigen und teueren Beschlag.

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WLD nach einer Belastungsrehe (Eigenes Foto)

3.1Erkennungsmerkmale

Erstes Anzeichen ist eine auf der Sohlenseite sichtbare Trennung zwischen Sohle und Wand. Wenn man aus diesem Spalt das angesammelte Material entfernt und nĂ€her betrachtet, findet man Schmutz und zerfallenes Horn, das Zersetzungsprodukt der Destruenten. Die Zusammenhangstrennung kann sich bis zum Kronsaum erstrecken und ist in ihrem Ausmaß durch eine Röntgenaufnahme feststellbar. Bei vorsichtigem Abklopfen der Hornwand klingen die betroffenen Bereiche hohl. In chronischen FĂ€llen zeigt sich am proximalsten Punkt der Infektion eine Ausbuchtung der Wand nach außen. Wie bei allen Pilzinfektionen der Hufwand ist ein charakteristischer fauliger Geruch vorhanden.

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WLD bei einem Esel nach Wandresektion und Behandlung mit Gentianaviolett
(Eigenes Foto)

 Zur Lahmheit fĂŒhrt White Line Disease bei rechtzeitiger Erkennung in der Regel nicht. Erst wenn ein Drittel oder mehr der tragenden HufflĂ€che betroffen ist, wird das Pferd lahmen. Ist der Zehenbereich stark befallen, kann es zu einer Rotation des Hufbeines kommen. Eine Röntgenaufnahme gibt dann Aufschluss ĂŒber die Hufbearbeitung und den Beschlag.

Auf der Röntgenaufnahme wird unter Verwendung eines Kontrastmittels die Trennung der Wand in Form von kanalförmigen Aufhellungen sichtbar. Dies stellt auch die Grundlage fĂŒr die Tiefe der betroffenen Bereiche nach proximal und den Umfang der Wandresektion dar.

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Beispiel einer Röntgenaufnahme (ohne Kontrastmittel) eines Rehepferdes,
bei dem ebenfalls Zusammenhangstrennungen im Zehenbereich erkennbar sind
(Eigenes Bildmaterial)

 3.2Behandlung der Krankheit

Je nach Umfang der Zusammenhangstrennung sollte eine Wandresektion vorgenommen werden. Diese muss nicht zwangsweise den gesamten Bereich der Separation umfassen, sondern kann auch nur teilweise erfolgen, so dass ein Zugang fĂŒr Luft und medikamentöse Behandlung möglich ist.

Sind Pilze veterinĂ€r- und labormedizinisch nachgewiesen, sollte eine wöchentliche Behandlung mit Gentianaviolett 2-prozentig oder Malachit grĂŒn 2-prozentig erfolgen. Das Einbeziehen und die Einsicht des Pferdehalters fĂŒr entsprechende Stallhygiene zu sorgen sowie das vorsichtige Reinigen und Einpinseln der betroffenen Stellen ist unumgĂ€nglich. Auch Baden des erkrankten Hufes in Kaliumpermanganat-Lösung fĂŒhrt zum Erfolg. Der Autor Wildenstein hĂ€lt den Einsatz pilzvernichtender Medikamente wie Miconazol, Clotrimazol und Intraconazol fĂŒr hilfreich.

Der Beschlag richtet sich nach dem Ausmaß der entfernten Hufwand. Ist noch genĂŒgend Tragerand vorhanden, tut ein normales breites Hufeisen oder ein Klebeschuh, in dem die fehlende Wand ausgespart wird, völlig seine Dienste. 

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Eine Möglichkeit, Strahl und Sohle zum Mittragen einzubeziehen
(Eigenes Foto)

Wenn ein Drittel oder mehr des Tragerandes entfernt werden musste, ist es unumgĂ€nglich, die HufbodenflĂ€che in die Statik mit einzubeziehen. Der Markt bietet hier fĂŒr den Hufschmied einige Möglichkeiten wie Einschweissplatten, Kunststoffeinlagen mit Bodenkontakt sowie Polyurethane verschiedener HĂ€rte. Über das Herstellen bzw. Anwenden eines Herz- oder G-Eisens oder eines Eisens, welches den fehlenden Tragebereich ausspart, sollte nachgedacht werden. 

Es sollte individuell entschieden werden, und zum Wohle des betroffenen Pferdes spricht auch nichts gegen kreative Ideen.  
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Bildmaterial Bingold die Hufrolle (CD)

 Auf keinen Fall sollte das entfernte Horn durch eines der sich auf dem Markt befindlichen Kunsthorne ersetzt werden, da so unnötig Druck auf die freigelegten, sensiblen Gewebe ausgeĂŒbt wird und das Pferd mit großer Wahrscheinlichkeit lahm geht. Außerdem ist der Zugang fĂŒr die medikamentöse Behandlung nicht möglich.  

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Nur von unten geklebter Kunststoffbeschlag (Eigenes Foto)

4. Fallbeispiel

Es handelt sich um den 17 Jahre alten Schimmelwallach Arabin. Ein Halbaraber mit wenig ausgeprĂ€gter Hinterhandmuskulatur und relativ zur GrĂ¶ĂŸe von 1,50 m Stockmaß kleinen Hufen von guter HornqualitĂ€t. Die Stellung der Vordergliedmaßen ist regelmĂ€ĂŸig. Hinten steht Arabin leicht zehenweit. Die bodenweite Stellung und Fußung der Hinterhand bedingt eine Überlastung der medialen Hufwand, die steiler und kĂŒrzer ist.  

Das Gangbild im Schritt ist flĂŒssig. Im Trab geht er nicht taktrein, eine klar zu erkennende Lahmheit ist aber auch nicht auszumachen.

Sein Fell ist stumpf, was den Schluss auf ein Stoffwechselproblem oder einen Mangel zulÀsst, welches durch einen Tierarzt konkret abzuklÀren ist.

Beim Abnehmen des Eisens am rechten Hinterhuf fiel eine dĂŒnne Lage teergetrĂ€nken Hanfs auf (das Pferd wurde zuvor von einem anderen Schmied betreut). Nach eingehender Untersuchung des sich darunter befindlichen Spaltes, stellte ich einen nach proximal scheinbar nicht endenden Hohlraum fest.

Mit der Spitze eines fĂŒnf Zentimeter langen Nagels war kein Hornkontakt nach oben möglich.

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Arabins rechter Hinterhuf . Die mehlig schwarze Masse, der tiefe Hohlraum und die deutliche
Abgrenzung zum gesunden Zehenbereich unterscheidet eine White Line Disease von einer Hohlen Wand.

Angesichts der Situation und der Tatsache, dass es sich bei diesem Pferd um einen „Neukunden“ handelte, hielt ich das Hinzuziehen eines Tierarztes fĂŒr unumgĂ€nglich. In Absprache mit diesem und der Pferdebesitzerin kam die Entscheidung zustande, eine Wandresektion vorzunehmen und dann erst die Beschlagsvariante zu wĂ€hlen.

Die Entfernung der Wand fĂŒhrte ich unter Verwendung eines Dremels mit KegelfrĂ€skopf und einem entsprechend scharfen Hufmesser durch. Es stellte sich heraus, dass die Zusammenhangstrennung bis zum Kronrand reichte.

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Deutlich zu sehen die eingetrockneten Blutreste und der große Hohlraum Richtung Krone

Nach der Wandresektion und des sorgfĂ€ltigen Reinigens der freigelegten sensiblen Bereiche konnte ĂŒber den möglichen Beschlag nachgedacht werden. Als klar war, dass der Ă€ußere Zehennagel gesetzt werden konnte, fiel die Wahl auf einen Eisenbeschlag. Da die Wand um mindestens ein Drittel entfernt worden war, mussten sowohl Strahl als auch Sohle zum Mittragen einbezogen werden. Ich entschied mich fĂŒr eine Art Herzeisen und eine FĂŒllung mit einem Polyurethanpolster (Equi-Build von Vettec).

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Es ist relativ einfach und schnell, vor Ort ein solches oder Àhnliches Eisen herzustellen um Strahl und Sohle zum Mittragen einzubeziehen.
Im Anschluss an den fertig gestellten Beschlag wurde die Behandlung durch Einpinseln der betroffenen Region mit Malachit grĂŒn vorgenommen. Gleichzeitig erfolgte eine Unterweisung der Pferdebesitzerin ĂŒber die weitere Behandlung und der Hinweis, dass nach etwa drei Wochen eine Kontrolle und gegebenenfalls ein Nachschneiden durch den Hufschmied nötig sei.

Die Empfehlung, ein auf das Hufwachstum und den Stoffwechsel positiv wirkendes Futter zu fĂŒttern, schien mir wegen des stumpfen Fells und des kranken Hufes sinnvoll.

Diese Art von Einlegesohlen verteilen den Bodengegendruck ebenfalls auf Strahl und Sohle und bieten zusÀtzlich DÀmpfung.

 Platten13

 Das Einsatzgebiet solcher Platten ist natĂŒrlich weitaus umfangreicher

Der Beschlag wurde ĂŒber fĂŒnf Beschlagsperioden auf diese Art durchgefĂŒhrt. Über diesen Zeitraum wurde auch immer wieder kontrolliert, ob das herunterwachsende Horn zusammen hielt, und wenn nötig, wurde von mir nachgeschnitten und erneut versorgt. Nach etwa zehn Monaten bestand lediglich noch eine kleine Schwebe. Der Huf konnte wieder mit einem normalen Eisen beschlagen werden.

 MĂŒller Linus

 

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